Eine Woche Aussendienst – der ganz normale Wahnsinn.

Vorweg genommen: Ich bin kein Hoteltester.

Als Geschäftreisender bin ich viel unterwegs – in der KW23 via Zug und Hotel.

Mache eine Reise und du kannst was erlebenUnbekannt

– so oder ähnlich ist ja der Spruch.
Nun, die Reise der jetzt vergangenen Woche sollte zu so einem solchen Erlebnis werden.

Aber ich spule mal zurück.


Montag, 3. Juni – Tag 1

…und ich habe am Vormittag schon meine Anreise zum Uni-Klinikum nach Essen geniessen dürfen (guckst du HIER).

Bild von pixel2013 auf Pixabay

Am Nachmittag also meine Zugreise vom Hbf Bochum nach Villingen (Schwarzwald). Ein dicker Koffer (weil rechte Pfote ja kaputt) und ich stehe auf dem Bahnsteig. Habe mir in der Bahnhofshalle beim Bäcker zuvor noch ein Baguette organisiert – reisen mit leerem Magen ist doof.

So stehe ich hier und fülle mein Gesicht mit Backware – Zug soll planmäßig um 14:04 los fahren – und warte. Um 13:54 Durchsage: „Der ICE 915 nach Stuttgart fällt aus. Wir bitten um Entschuldigung.“ O.K. also mit dem Samsonite zum Aufzug, herunter und die 50 Meter zum DB Reisecenter. Dort natürlich eine Schlange bis zum Bäcker – bin ja nicht der einzige, der jetzt umdisponieren muss.
5 Minuten später erneute Durchsage: „Auf Gleis 4 läuft ein: Der ICE 915 nach Stuttgart, über …. Planmäßige Abfahrt 14:04.“ Ein Blick auf die Uhr bestätigt mir: Also in 120 Sekunden. Ich spurte mit dem Koffer auf seinen zwei Rollen bis zum Aufzug, berechne kurz die Wartezeit und entscheide mich für die Treppe, kralle den Koffer mit der linken Hand und spurte auf‘s Bahngleis.

Oben angekommen (japsend nach Sauerstoff) steht mein Zug – davor 3 Angestellte der Bahn, vertieft in ihren Smartphones. Eine Dame blickt auf, mustert mich und meint: „Sie sind aber spät – Glück gehabt, oder? Jetzt aber hopp und hinein!“.

„Das ist Wagen 25, ich bin auf 22 reserviert.“ „Egal, dann müssen sie durch die Gänge. Wir fahren jeden Moment los.“ Bis dahin habe ich mich brav zurückgehalten – aber genug ist genug. Mein Koffer hat 2 Rollen und kann nicht durch die engen Gänge „seitwärts“ geschoben werden – er müsste also einhändig vor dem Körper geschleppt werden.

„Ich gehe jetzt zum Wagen 22 und werde dort einsteigen. Sollten sie sich erlauben, den Zug ohne mich abfahren zu lassen – dann nehme ich das persönlich.“ Ich drehe mich um und gehe los. Der Zug wartet.

Mein Anschlusszug in Mannheim hatte 50 Minuten Verspätung und ich musste in Baden-Baden die letzte Schwarzwaldbahn nach Villingen nehmen. Das ist aber mittlerweile gelebte Realität in Sachen „Reisen mit der Bahn“. Ich komme also ca. 20:30 im Bahnhof Villingen an. Das letzte (einzige?) Taxi fährt mir gerade vor der Nase weg – an manchen Tagen sollte man einfach im Bett bleiben. Ich google kurz, orientiere mich an Bewertungen und rufe ein Taxi. „Ich möchte am Bahnhof Villingen abgeholt werden?“, frage ich die Person am anderen Ende mit höchst überschaubaren Deutschkenntnissen. „2 Minuten“, höre ich. OK – manche Dinge muss man ja auch gar nicht länger ausdiskutieren. Passt. Nach 15 Minuten klingelt mein Handy. Wo ich denn sei? „Bahnhof Villingen!“ „Oh, bin Bahnhof Schwenningen. Bleiben Sie dort, Kollege kommt sicher bald.“ Klick. Es ist sehr warm, regnet nicht und noch Tageslicht, also warte ich. 15 weitere Minuten vergehen, bis ein Taxi hält. Keine Ahnung, ob es das gleiche Unternehmen ist – ist mir jetzt auch ziemlich Schnuppe. Ein muskeltechnisch sehr „ausdefinierter“ Mensch mit ebenso auffälliger Körperbemalung pellt sich wortkarg aus dem Taxi, öffnet die Heckklappe und hebt mein Schwerstgepäck mit Leichtigkeit in das Fahrzeugheck. Ich nehme Platz. Nun sieht er einen weiteren potentiellen Kunden in Richtung Taxi steuern, steigt nochmal mit einem Bein aus und fragt die Person, wo sie denn hin wolle. Ich verstehe die Antwort akustisch nicht, erfahre aber jetzt, dass er auch im Taxi hinten Platz nehmen wird, denn „ist ja quasi auf dem Weg“. OK – vielleicht ist das hier einfach so.

Erfahrungsgemäß sind Bahnreisen keine zeitliche Konstante und so hatte ich im Hotel vorsorglich um eine Hinterlegung des Schlüssels gebeten. Lt. Mail liegt der Schlüssel in einem Kasten neben der Tür, der Code lautet praktischerweise „000“. Ich finde den Schlüssel, öffne die Türe und bin im Hotel. Endlich. Das Ambiente ist – ländlich – das Zimmer aber überraschend kühl.
Im Bad angekommen, rutsche ich fast vom Klo, da Sitzgelegenheit und Deckel so kaputt sind, dass man sich bei unbedarftem Setzen richtig weh tun kann.
Die späte Ankunft im etwas abgelegenen Hotel (anscheinend ohne Restaurant) lässt auch die Wahrscheinlichkeit eines Abendessens als höchst fragwürdig erscheinen. So speise ich ein 6g Täfelchen Schokolade, drei Minibonbons und ein Glas Wasser, freue mich, dass ich lebe und schlafe mit dem Gedanken an das morgige Frühstück um 07:00 ein.


4. Juni – Tag 2

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Ich erwache zeitig, dusche mich auf (gefühlten) 60 x 60 Abmessungen (der Wasserdruck vergleichbar mit einem Hamster, der durch einen Strohhalm pinkelt) und begebe mich mit dem Blick eines Geparden, der mit sturem Blick eine Gazelle gestellt hat, in den Frühstücksraum.
Hier treffe ich ein knappes Dutzend weiterer Frühaufsteher – allesamt mit einem braunen Heissgetränk bewaffnet, aber ansonsten relativ regungslos an den Tischen sitzend. Das Frühstücksbuffet ist leer. Dort steht – nichts. Ein langgewachsener, hagerer Mensch, den ich in seinen späten Zwanzigern einschätze, murmelt was von „…die Dame hat unerwartet abgesagt…“ und ist sichtlich bemüht hier Abhilfe mittels irgendeines „Notprogramms“ zu schaffen.
Ein Taxi hatte ich bei Verlassen der Mitfahrgelegenheit am Vorabend zu 08:30 bestellt, also bitte ich den Menschen, mich im Zimmer zu informieren, wenn denn nun Lebensmittel zum Konsum feil geboten werden. Ca. 30 Minuten später vernehme ich ein zartes Klopfen an der Tür – es gebe Frühstück.
Das Angebot ist überschaubar und qualitativ auf Discounter Niveau. Aber ich habe Hunger – das hilft in der positiven Wahrnehmung. Auf dem Weg zum Taxi bitte ich den jungen Mann, sich um das defekte Porzellanzubehör zu kümmern – da werde er „…dem Reparaturdienst Bescheid geben“.
Nach einem guten aber anstrengenden Tag kehre ich in das Etablissement zurück. Der Toilettensitz wie gehabt, im Bad wurde ein Handtuch zurück in die Startposition gebracht. Toilette, Waschbecken, Dusche unberührt. OK, vielleicht ist da auch „Team Frühstück“ zuständig. Man hat hier aber definitiv Probleme. Also erneut zum Empfang. „Wie lange dauert es denn in der Regel für eine Reparatur?“, frage ich. „Ich habe das weitergeleitet, aber gestern war der Chef ja auch nicht da, mehr kann ich da ja auch nicht tun.“, erfahre ich von einem sichtlich entnervtem Mitarbeiter.


5. Juni – Tag 3

Es gibt Frühstück, auch minimal reichhaltiger (heute mit Salami). Ich frühstücke und fahre zum Kunden.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Des Abends im Hotel. Im Zimmer entledige ich mich meiner Tasche und blicke ins Bad. Keine Reinigung, der Toilettensitz hängt noch immer traurig zur Seite, mein benutztes Glas hat man gegen ein dreckiges ersetzt. Puls 200. Ich begebe mich in Richtung Empfang. Eine weitere Person – die ich auch beim Frühstück bedienen sah, blickt am Kunden vorbei in meine Richtung und gestikuliert offensichtlich nach meinem Wunsch. „Wie lange dauert es eigentlich bei Ihnen hier, bis sich jemand um einen Defekt kümmert? Ich warte nun schon seit 3 Tagen auf die Reparatur der Toilette in meinem Zimmer. Und wo ist eigentlich der Chef?“.

„Ich bin der Chef und ich höre das zum ersten Mal.“ Man schaut sich nun – erstmalig – den Defekt an , schüttelt mit dem Kopf, entschuldigt sich und verspricht umgehende Abhilfe.


6. Juni – Tag 4

Ich filme das ARD Morgenmagazin als Zeitstempel und dann im Detail den Zustand im Bad, denn hier hat in 3 Tagen noch keiner irgendwas gereinigt. Ich besuche das Frühstücksbuffet – heute mal ohne Brötchen, mache kehrt und entscheide mich zum Frühstück bei McDoof. Der „Chef“ versucht mich auf dem Weg zur Tür noch in ein Gespräch zu verwickeln – ich habe aber einfach keinen Bock mehr. Ich fahre zum Kunden.

Ein Abend wie jeder andere. Repariert und gereinigt ist nichts, nun gibt es auch gar kein Trinkglas mehr. Auf Nachfrage am Empfang sei der Chef lediglich via Handy zu erreichen – dies tue ich nun.

„Einen Techniker bekäme man erst am Montag und auf Hinweis über das immer noch dreckige Bad höre ich anderen Ende nur noch Anpöbelung und Geschrei: „Bist du ein Hoteltester oder was??? Erst machst du mich vor einem Kunden wegen dieser blöden Toilettenbrille runter und jetzt ist das Bad auch noch dreckig……?“ Ich lege auf.

Nun, ich coache Autohäuser auch im Umgang mit Kunden und Kundenbeanstandungen, habe viel erlebt, aber das hat eine ganz eigene Qualität.

Ich melde mich nun bei HRS und man organisiert mir ein anderes Hotel am Ort. Ich packe meine Sachen und verlasse den Ort des Grauens. Bezahlen war nicht, denn die Rezeption ist ja am Abend nicht besetzt. Und irgendwie interessiert es mich auch nicht mehr.

Im neuen Hotel finde ich mein Zimmer, ein sauberes Bad und ein komfortables Bett – gute Nacht.


7. Juni – Tag 5

Unspektakulär. Am Abend beauftrage ich ein Taxi, dass mich am Morgen abholen soll.


8. Juni – Tag 6 und Abreise

Es ist Samstag und ich habe meinen Tag entsprechend vorgeplant. Frühstück im Hotel zu € 15.50 muss nicht sein, ich verlasse das Hotel um kurz vor 07:00, laufe die 200m zum Parkhaus und checke das Auto aus. Da ich das Auto zum Autohaus zurückbringen muss und McDoof auf dem Weg liegt, habe ich genug Zeit bis zum Taxi Rendevouz um 08:00 dort. Bei dem großen „M“ angekommen ist der Parkplatz überraschend leer. Aus gutem Grund: Der öffnet erst um 08:00. Smartphone ‚raus, Aldi und Lidl gecheckt – auch erst um 08:00. Penny aber um 07:30 – also dorthin. Hier sammeln sich vor der Öffnung diverse Leergutjäger vor der Tür. Aber man öffnet pünktlich, ich organisiere eine (noch warme!) Apfeltasche, ein Schinken-Käse Croissant und eine kleine Milch. Reicht völlig.

Am Autohaus angekommen übe ich schon mal das Wohnmobilfrühstück – Heckklappe auf und den Sonnenschein genießend.

Um 08:00 pünktlich erscheint mein Taxi Date. „Guten Morgen, Herr Manns!“, werde ich freundlich begrüßt. Dies ist also der Taxi Inhaber und der Freund einer der Autohaus Mitarbeiterinnen und nicht die gleiche Person, die mich vor 5 Tagen vom Bahnhof abholte. Wir chatten ein wenig während der Fahrt und man liefert mich eine kurze Zeit später am Bahnhof ab. Netter Kerl, der Herr!

Bild von Jens Teichmann auf Pixabay

Die Schwarzwaldbahn in Richtung Baden-Baden trifft pünktlich ein, ist aber – bedingt durch das Pfingstwochenende – bis zum Anschlag gefüllt.
In Baden-Baden trifft auch der ICE seinen Zeitplan, kann aber die Ankunft in Mannheim aufgrund diverser Verzögerungen nicht einhalten. Der Anschlusszug soll aber erreicht werden. Kurz vor Eintreffen in Mannheim ist der Kontrolleur unterwegs und prüft das Ticket eines älteren Herrn mit überschaubaren Deutsch Kenntnissen. „Das ist kein Ticket für diesen Zug – sie verlassen den Zug beim nächsten Halt.“ „Isch kaufe Ticket jetzt“, meint dieser nun. Nachdem sich der Kontrolleur nach dem Ziel erkundigt (Hannover) errechnet er den Fahrpreis (für 2 Personen, seine Frau ist auch dabei): € 269. Der Mann übergibt € 120, gestikuliert zu seiner Frau, die wie ein schlechter Zauberer einen € 50 Schein nach dem anderen aus ihrem Gewand zieht. Gab es für das Schwarzfahren keine Geldstrafe und Anzeige? Ich sehe in die Augen des Kontrolleurs – der Mann ist am heutigen Tag auch nur überfordert.
Auf dem Mannheimer Bahnsteig – Konfusion. Hier wissen auch die Bahnmitarbeiter nicht, wo der Anschlusszug eintreffen soll. Gleis 3 steht auf der Anzeige. Ich frage nach, ob die Wagenaufteilung und die Bahnsteigabschnitte übereinstimmen. „Ja, natürlich – es sei denn man hat den Zug gedreht.“
So stehe ich konform in Abschnitt A – mein Wagen hält in Abschnitt C. Wieder Gerenne zum Wagen, dort ist Hauen und Stechen angesagt.

Ich rufe in die Menge: „Lasst doch mal die Frau mit dem Kinderwagen durch!“ Nix da. Der Mob ist unerbittlich. In Tokyo Manier erreiche auch ich als ziemlich letzter die Zugöffnung, um die Durchsage zu hören: „Der Zug ist überfüllt. Wir können erst losfahren, sobald einige Leute ausgestiegen sind. Der Folgezug fährt auch zum Frankfurter Flughafen“. Ich will aber nach Bochum. Ich murmele was von „…die können mich mal. Ich habe eine Platzreservierung in dieser Dose…“ und steige ein. An mir vorbei entleert sich der Zug etwas – die Gänge sind aber immer noch mit Menschen und Gepäck gefüllt und zugestellt. Ich lasse meinen Koffer im Gang des nächsten Wagens stehen – es ist sonst nirgendwo Platz.
Das Spektakel endet am Flughafen Frankfurt, danach ist der Zug schon fast gespenstisch leer.
Eine Frage drängt sich mir dabei auf: Wie kann es sein, dass die Bahn so viele Tickets verkauft? Die Anzahl der Sitzplätze ist doch bekannt. Überbuchung? Nee, Tickets sind bezahlt und wenn einer nicht mitfährt, dann macht das keinen Unterschied. Muss ich nicht verstehen.

Ich komme in Bochum an und werde von meiner Claudia abgeholt. Wochenende. Endlich. Der ganz normale Wahnsinn hat Pause.

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