Meine Kastenwagensuche – Szene 2

Nachdem die erste Fahrt ins Saarland nichts als Ernüchterung brachte, vielleicht haben wir ja heute mehr Glück.

Die Suche konzentriert sich nun auch in Richtung Sprinter / Crafter, für die ich auch jenseits des europäischen Raumes im Bedarfsfall Ersatzteile ergattern kann.


Der Kandidat

So bekomme ich auch eine Anzeige der Fa. Automobile A.D. (in Dülmen) für einen 2015er Sprinter mit 4325mm Radstand (also insgesamt ca. 7m lang) mit 163 PS, Klimatisierung, PDC (Park Distance Control) und AHK angezeigt.

Der Sprinter hat knapp 300.000 km Erfahrung und wird für € 9.990 (Brutto) angeboten.
Auch hier ist realistisch nicht mal annähernd ein Neufahrzeug zu erwarten.
Aber vielleicht hat ja dieser Kandidat eine nachvollziehbaren Servicehistorie.


Die Organisation & die Anreise

Ich rufe am Freitag an und arrangiere einen Besichtigungstermin am Samstag vormittag. Gerne mit Testfahrt. 42 km Anfahrt – klingt vielversprechend.

Die Anreise klappt prima, kein Stau – entspannt.


Der erste Eindruck

Ich komme gegen 10:30 an, und sehe einen (relativ zu anderen Autohändlern) kleinen Hof, auf dem diverse Gebrauchte stehen. Ungewöhnlich viele Toyotas – sehr sympathisch.

Der Sprinter steht etwas unzugänglich Richtung Hecke und passt auch nicht so ganz zum restlichen Repertoire des Händlers. Man erkennt mein Herner Nummernschild und der junge Mann weiß, warum ich hier bin. Er bewegt den Wagen  für bessere Zugänglichkeit. Ein rotes Kennzeichen ist montiert.

  • Insbesondere die Beifahrerseite ist Zeuge und Leidtragender von vielen Begegnungen mit der Umwelt – übersät mit Schrammen und behelfsmäßig reparierten Kaltverformungen. Man erwartet mittlerweile einiges, aber das hier ist doch schon heftig. Rückleuchten zeigen die Niederschlagsmengen der letzten Regenfälle zuverlässig an und das Wasser schwappt lustig hin und her. 
  • Rost ist überschaubar, lediglich die Beifahrertüre braucht hier Arbeit an der Unterseite.
  • Die Stoßstangen vorne wie hinten verlangen Ersatz.
  • Die Bremsen sind nicht neu, vorne gut und hinten ist kurzfristiger Ersatz fällig. 
  • Reifen noch o.k.

Im Detail

Man hatte das Fahrzeug ja netter Weise schon für die Inspektion der „inneren Werte“ platziert – also weiter:

  • Der Innenraum war sauber und unbeschädigt, Fahrersitz an der üblichen Außenkante verschlissen.
  • Ladebereich und Radkästen sehen noch gut aus, allerdings weigert sich die Seitentür erfolgreich gegen die Arretierung im geöffneten Zustand.
  • Ich stelle die Zündung an, warte einen Moment und…
  • der Anlasser müht sich für einen Moment, startet dann aber den Motor, der im Leerlauf rund läuft.
  • Das leuchtende, gelbe „T“ bezeugt den vormals kommmerziellen Betrieb und den inoperativen Fahrtenschreiber.
  • Wischer und Wascher o.k. Hupe macht Geräusch.
  • Das Radio bleibt stumm.

Kurzer Beleuchtungscheck:

  • Ein paar Marker verweigern die Erhellung.
  • Ansonsten alles i.O.

Schlüsseltest:

  • Set komplett.

Ich öffne die Haube.

  • Der Dreck der Jahre blickt mir entgegen, aber nichts wirklich ungewöhnliches.
  • Ein Blick über den Motorraum auf den Rahmen links (also Fahrerseite) verrät einen nicht ganz banalen Treffer, die Stoßstange in dem Bereich ist auch lädiert.
  • Ausser einem Hinweis zum letzten Ölwechsel finde ich keine Hinweise auf Zahnriemenwechsel oder Kühlmittelkonzentrierung.

Testfahrt

Naja, zunächst einmal ein Gespräch mit dem Verkäufer.

Man gibt sich als Familienunternehmen, der Sohn hat das Geschäft vom Papa übernommen und man hat eine nicht zu übersehende Affinität zu Toyota. „Die lassen sich gut verkaufen und machen keinen Stress.“ Kann ich so unterschreiben. Der junge Mann erscheint um den Kunden bemüht.

Man kopiert meinen Aufenthaltstitel und Fahrerlaubnis und gibt mit kurze Tips für eine Teststrecke. Rote Bleche sind ja schon montiert und ich fahre mal los.

Ein paar Ampeln und dann Landstraße. Der Sprinter bewegt sich wie ein Auto. In der 6. Gangstufe gleitet er über den Asphalt, flüsterleise und komfortabel. Ich bin ja schon einige Ivecos, Ducatos (und deren Brüder Jumper und Boxer) gefahren – da will ich dann eher nicht wieder rein. Das ist mal eine ganz andere Hausnummer.

Der Wagen beschleunigt, schaltet, verzögert, lenkt und dämpft einwandfrei. 300.000 km? Beeindruckend.

Nach 20 Minuten kehre ich zurück und wir setzen uns ins Büro für eine Bestandsaufnahme. Ich müsste noch auf eine Hebebühne, um mir die Unterseite genauer anzusehen. „Am Samstag schwierig, da der TÜV Kollege nicht auf hat“. Und bis Montag seien noch andere Interessenten angekündigt. Man habe aber eine kleine portable Bühne, die den Wagen so 60 cm anhebt. Klingt machbar. Also gräbt man das Teil aus einer Garage hervor und platziert den Koffer darauf.

Und dann das: Ein senkrechter Riss von knapp 10 cm im Vorderachsträger. Fahruntauglich und sicherlich auch TÜV untauglich.
Auch der Verkäufer schaut sich das Desaster an und schüttelt resignierend den Kopf. „Das war mir wirklich nicht bekannt.“ Und das nehme ich ihm auch ab. Er hat beim Kauf einfach nicht genau genug hingesehen. Dieser Schaden ist reparabel, aber jenseits einer DIY Reparatur. Ein Ersatzträger kostet gebraucht nur € 150, aber der Umbau von allen Vorderachskomponenten und Motor werden ein kleines vierstelliges Sümmchen verschlingen. Ein Polen Kandidat.


Fazit

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Netter Händler, Fahrzeug für meinen Geschmack und diesen veranschlagten Preis einfach zu lädiert (auch abgesehen vom Trägerriss).

Dies war ein Vormittag mit einer überschaubaren Anfahrt und man ist erneut um eine Erfahrung reicher. Die Auswahl an wirklich guten Ausbaukandidaten ist schmal und teuer.

Der nächste, bitte.

Siehe auch:

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.