Meine Kastenwagensuche – Szene 5

Noch deprimiert von der letzten Besichtigung des Nachmittags sitze ich bei Claudia, es ist 19:00. Auf dem Handy sortiere ich mich für den Abend – TV Programm überschaubar.
Nachricht auf dem Handy: „Ihre mobile.de Suche ergab einen neuen Treffer.“


Der Kandidat

Ich rufe die (wohl ganz „frische“) Anzeige auf. Ein VW Crafter anno 2014 der Fa. Automobile Jörg Lausch (in Warendorf). 4325mm Radstand (also insgesamt ca. 7m lang) mit 163 PS und Vollausstattung.

Der Sprinter hat ca. 280.000 km Fahrleistung und wird für € 10.842 (Brutto) angeboten.
Scheckheftgepflegt ist da zu lesen. Aber das hatten wir ja auch schon mal.
Aber vielleicht hat ja dieser Kandidat eine nachvollziehbare Servicehistorie.
Die Bilder lassen hoffen:


Die Organisation & die Anreise

Ein kurzer Blick auf die Uhr – 19:10. Man kann ja vielleicht eine Nachricht hinterlassen. Ich rufe die Nummer an und bin direkt mit Herrn Lausch verbunden. Respekt. Ich sei wohl der erste Anrufer – ich bekomme einige Details zum Fahrzeug und das klingt richtig gut. Wir verabreden uns für den Folgetag um 11:30. Rote Nummern seien montiert, man freue sich auf meinen Besuch. Irgendwie anders als bei den meisten bisherigen Terminen.

Die Anreise am 09.04. klappt prima, ca. 100 km, kein Stau – entspannt.


Der erste Eindruck

Ich komme pünktlich an und sehe einen Gewerbebereich, den Crafter und wende meinen Yaris um ihn etwas aus dem Weg zu parken.

Wir hatten uns ja schon am Vortag über den Crafter unterhalten und der Zustand des Fahrzeugs entspricht durchaus der Beschreibung.

  • Der durch die entfernten Aufkleber freigelegte Lack erklärt die Herkunft des Fahrzeugs: Eine Firma spezialisiert im Bereich Schallschutz.
  • Kleinere Macken an Tür, ein paar Hagel(?)-Einschläge auf den Seitenwänden, eine lange Schramme an der Fahrerseite hinten, die Hecktüren ziemlich fertig. Eine Nebelleuchte mit zerbröseltem Glas, eine Stoßstangenecke hinten braucht Aufmerksamkeit.
  • Rost ist gar kein Thema, lediglich die übliche Rosstelle an der Seitentürschiene fällt auf.
  • Die Bremsen sind gut und kaum eingelaufen. 
  • Reifen erscheinen neu.

Im Detail

Der Herr Lausch erscheint, stellt sich vor, man kommt entspannt ins Gespräch. Die Dose wird entriegelt.

  • Der Innenraum ist mit das dreckigste, was ich bislang gesehen habe. Handschuhe und Ganzkörperkondom. Auf den Sitzen sind halbwegs permanent befestigte Decken, darunter Sitze mit ähnlicher „Erfahrung“. Fahrersitz an der üblichen Außenkante verschlissen.
  • Das Armaturenbrett und die Türverkleidungen erzählen Geschichten von 7 Jahren Baustelle, Mittagspausen auf den Ablagen mitsamt verschütterter und längst fossilierten Zuckerbrausen.
  • Ladebereich und Radkästen sehen noch gut aus, etwas Rost am rechten Radlauf.
  • 4 werksseitige Alufelgen umrahmen das Fahrzeug, allesamt mit einigen Schäden und Ausblühungen – aber allemal schicker als die üblichen Stahl Kandidaten.
  • Der Anlasser dreht willig und startet den Motor, der im Leerlauf rund läuft.
  • Wischer und Wascher o.k. Hupe macht Geräusch.
  • Das Radio funzt.

Kurzer Beleuchtungscheck:

  • Alles intakt bis auf den schon zuvor angesprochenen Nebelscheinwerfer.

Schlüsseltest:

  • Set komplett.

Ich öffne die Haube nicht (???).

TÜV und AU wurden letztes Jahr gemacht, da wurden auch viele Teile ersetzt (Belege liegen vor). So auch ein aktuelles Scheckheft. Wow.


Testfahrt

Ich nehme Platz auf einem ISRI Sitz. Der federt und das ist erst einmal irritierend. Die Kupplung erscheint schwergängiger als in den anderen, bisher getesteten Kandidaten – Gewöhnungssache, meine ich.

Erster Gang, wir bewegen uns. Der ist gaaaanz kurz übersetzt, der 2. Gang folgt unmittelbar. Ich bin auf den ersten Metern noch ein wenig unsicher – das legt sich schnell. Der Herr Lausch gibt Richtungshinweise – wir befinden uns alsbald auf der Landstraße. Der Crafter läuft – gut. Beschleunigung, Bremsen, Lenkung. Nichts wirklich auffälliges. Was mir bei der Testfahrt in der allgemeinen Reizüberflutung NICHT auffällt, sind die etwas knirschenden Wechsel in Gang 2, 3 und 4 und auch das ungewöhnlich harte Einkuppeln – dazu in einem meiner nächsten Beiträge etwas mehr. Irgendwann so nach 10 Minuten wenden wir an einer Zufahrt.

Auf der Rückfahrt will ich beschleunigen, aber jenseits von 2.000 U/Min ist Feierabend. Gang egal. Die Glühwendel im Kombiinstrument gibt blinkend bekannt: Wir sind im Notlaufprogramm. Herr Lausch versteht das alles nicht – das wäre auch für ihn eine Premiere. Nehme ich ihm auch ab. Der Verkäufer Supergau – denn das Fahrzeug wird mit jeder Sekunde billiger. Aber das Problem ist nun mal da. Wir einigen uns auf einem Stop an der nächsten Bushaltestelle und hoffen auf das Strg-Alt-Entf Prozedere – in diesem Fall Motor aus, 10 Sekunden warten, Motor starten.
Das Problem ist – weg. Hmmm.

Wir hatten zuvor über die Möglichkeit gesprochen, den Wagen beim TÜV checken zu lassen – hier hake ich nochmal nach und wir sind 5 Minuten später vorort. Und man kennt sich wohl. Der nette Prüfer hatte gerade einen Teilintegrierten von der Grube gefahren und nimmt mir den Schlüssel für den Crafter ab. Er fährt das Auto auf den Bremsenprüfstand. Herr Lausch winkt ab – „…der braucht keinen neuen TÜV!“. Der TÜVler zwinkert und meint, dass er dies doch für mich mache – wo ich schon mal da bin. Bremsen mit minimalen Abweichungen bei der Handbremse – ansonsten alles im grünen Bereich. Das Fahrzeug geht auf die Grube. Dort darf ich rein und mir den Crafter von unten betrachten.

Ich registriere neue Traggelenke, diverse Lenkungsneuteile, Koppelstangen, Bremsen, Bremsleitungen, Reifen und Achslager hinten links.
Aus den Unterlagen geht weiter ein Wechsel der Rückleuchten und der Windschutzscheibe hervor.
Eine dünne blaue, noch saubere Leitung zu einer kleinen Pumpe ist Nachweis einer noch nicht lange zurückliegenden Dieselstandheizungsinstallation.
Der Druckschlauch der Servolenkung schwitzt, ansonsten ist der Unterbau knochentrocken. Und rostfrei.

Während ich mir den Van von unten ansehe, hat der TÜV Mensch schon den Tester angeschlossen und liest Fehlercodes aus. Wenn da nun welche wären. „Da ist nur ein Vermerk über die letzte Auslesung vor ca. 11.000 km drin. Wahrscheinlich die Inspektion.“ Auch er stutzt. Hätte sich doch der Notlauf irgendwie registrieren müssen. Egal. Man muss nicht immer alles verstehen.
Ich schaue noch an der Unterseite nach einem „roten Hering“, um den Aussetzer zu erklären – finde aber auch dort keinen Anhaltspunkt.

Wir bedanken uns lieb für die Mühe, die wir gemacht haben und fahren zurück zum Ausgangspunkt.

Schweigend stehen wir für einige Sekunden in Corona-konformen Abstand an der Fahrzeugseite. Ich breche das Schweigen mit der klassischen Ansage von Jean Pierre Krämer und Sidney Hoffmann (aka die Dortmunder „PS Profis“): „Dann hau mal einen raus.“

Und aufgrund des erhöhten Risikos mit dem „unerforschten Problem“ bei der Testfahrt gibt es einen Preis, der überhaupt nicht mehr verhandelt werden muss und mit dem wir beide ganz gut leben können. Vertrag, Anzahlung.

Und ich habe noch immer nicht unter die Haube geschaut.


Fazit

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Nach all den zweifelhaften Begegnungen der dritten Art mit gelangweilten Verkäufern, dem angebotenen Kernschrott und beschönigten Beschreibungen war dies erfrischend anders und entspannt.

Das Fahrzeug war wie beschrieben, ehrlich und mit allen Unterlagen.

100 km, die sich in jeder Hinsicht gelohnt haben. Nächste Hürde: Die Zulassungslotterie in Herne. Und dann die Abholung.

Bis bald.

Danke Jörg Lausch. Alles richtig gemacht.

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